{"id":17,"date":"2022-02-01T14:29:26","date_gmt":"2022-02-01T14:29:26","guid":{"rendered":"http:\/\/gregorischmid.ch\/?p=17"},"modified":"2022-02-04T11:46:31","modified_gmt":"2022-02-04T11:46:31","slug":"wie-beeinflussen-wahlsysteme-unser-wahlverhalten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gregorischmid.ch\/?p=17","title":{"rendered":"Wie beeinflussen Wahlsysteme unser Wahlverhalten?"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"lead\">Die tiefe Wahlbeteiligung in der Schweiz ist immer wieder ein Thema in Medien und Politik. Manche von uns gehen bei jeder Wahl an die Urne, andere unregelm\u00e4ssig und nochmals andere gar nie. Dieses Ph\u00e4nomen kennt man nicht nur in der Schweiz, wie der Blick auf die <a href=\"https:\/\/www.nzz.ch\/international\/frankreich-macron-erleidet-bei-regionalwahl-einen-rueckschlag-ld.1631470?reduced=true\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">j\u00fcngsten Regionalwahlen in Frankreich<\/a> zeigt. Welchen Einfluss dabei das jeweilige Wahlsystem auf die Wahlbeteiligung hat, wurde nun erstmals in einer Europaweiten Studie untersucht. <\/p>\n\n\n\n<p>In D\u00e4nemark \u00fcber 85% und in Litauen nur gerade einmal gut 50%: die Wahlbeteiligung bei nationalen Parlamentswahlen unterscheidet sich zwischen verschiedenen europ\u00e4ischen L\u00e4ndern sehr stark. Woran liegt das? In der Vergangenheit sind zahlreiche Sozialwissenschaftlerinnen und Sozialwissenschaftler der Frage nachgegangen, was Menschen dazu bewegt, am Wahltag ihre Stimme in die Urne zu legen. Einige dieser Erkenntnisse gelten heute allgemein bekannt. So gehen \u00e4ltere Personen h\u00e4ufiger W\u00e4hlen als j\u00fcngere, M\u00e4nner h\u00e4ufiger als Frauen, Menschen mit h\u00f6heren Einkommen h\u00e4ufiger als solche mit tieferen Einkommen, oder etwa Akademiker h\u00e4ufiger als nicht-Akademiker. Kann dies die markanten Unterschiede zwischen den Wahlbeteiligungen in den Europ\u00e4ischen Staaten erkl\u00e4ren?<\/p><br>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend die Verteilung der Geschlechter in allen L\u00e4ndern etwa gleich sein d\u00fcrfte, gibt es hinsichtlich der jeweiligen Altersstrukturen der Bev\u00f6lkerung, der Akademisierung und der Einkommensverteilung markante Unterschiede. Doch k\u00f6nnen all diese Unterschiede die Unterschiede der Wahlbeteiligungen nicht zureichend erkl\u00e4ren. Demnach m\u00fcsste z.B. D\u00e4nemark eine hoch gebildete, sehr alte und gutverdienende Bev\u00f6lkerung aufweisen \u2013 und die Schweiz genau das Gegenteil. Nur trifft auf die Bev\u00f6lkerungsstruktur der Schweiz eher die soeben gemachte Beschreibung f\u00fcr D\u00e4nemark zu als das Gegenteil.  <\/p><br>\n\n\n\n<div class=\"d3-container\">\n<iframe class=\"responsive-iframe\" src=\"https:\/\/gregorischmid.ch\/d3\/card.html\" alt=\"Wahlbeteiligung bei den nationalen Parlamentswahlen in Europa\" scrolling=\"no\" width=\"100%\"><\/iframe>\n<\/div>\n<figcaption>Wahlbeteiligung bei den nationalen Parlamentswahlen in Europa<\/figcaption>\n\n\n\n<h4>Der Einfluss des Wahlsystems<\/h4>\n\n\n\n<p>Wie die Karte zeigt, sind die Unterschiede nicht nur frappant, sondern folgen auch keiner klar ersichtlichen Logik. Wie eine neue <a href=\"https:\/\/gregorischmid.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/Schmid_Gregori_Disproportionality_Research_Paper.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Studie<\/a> nun zeigt, h\u00e4ngt die Wahlbeteiligung bei nationalen Parlamentswahlen in Europa zu einem starken mass vom Wahlsystem, respektive vom Grad dessen Verzerrung, der sogenannten \u00abDisproportionalit\u00e4t\u00bb ab. Die Disproportionalit\u00e4t beschreibt, wie stark der W\u00e4hlerwille vom Wahlresultat abweicht. Dies l\u00e4sst sich an Besten an einem Beispiel aufzeigen: Bei den Parlamentswahlen in einem Land erh\u00e4lt eine Partei A 60% der Stimmen, eine Partei B erh\u00e4lt 40% der Stimmen. Nach der Umrechnung von W\u00e4hlerstimmen in Parlamentssitze erh\u00e4lt Partei A 65% der Sitze, Partei B jedoch nur 35% der Sitze im Parlament. Diese Diskrepanz zwischen dem Anteil an W\u00e4hlerstimmen und dem Anteil an Parlamentssitzen einer Partei, eben die sogenannte Disproportionalit\u00e4t, hat einen starken Einfluss auf die Wahlbeteiligung selbst.<\/p><br>\n\n\n\n<p>Je gr\u00f6sser die Differenz zwischen dem Prozentsatz erhaltener Stimmen und dem prozentualen Anteil an Parlamentssitzen, umso tiefer ist die Wahlbeteiligung. Der Grund daf\u00fcr scheint auf der Hand zu liegen: die Disproportionalit\u00e4t eines Wahlsystems bevorzugt meistens gr\u00f6ssere, w\u00e4hlerstarke Parteien und benachteiligt kleinere Parteien. W\u00e4hlerinnen und W\u00e4hler, welche nicht einer grossen Partei ihre Stimme geben wollen, sondern sich eher durch eine kleinere Partei vertreten f\u00fchlen, haben somit einen tieferen Anreiz \u00fcberhaupt an die Urne zu gehen. Denn: die Wahrscheinlichkeit, dass ihre Stimme am Ende \u00abz\u00e4hlt\u00bb, sprich, dass die von ihnen gew\u00fcnschte Partei ins Parlament einzieht oder dort eine nennenswerte Rolle einnehmen kann, ist bei einer h\u00f6heren Disproportionalit\u00e4t kleiner. <\/p><br>\n\n\n\n<p>Ein gutes Beispiel hierf\u00fcr sind etwas die <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Schweizer_Parlamentswahlen_2015\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">schweizerischen Nationalratswahlen 2015<\/a>. Damals erhielt die EDU 1.2% der Stimmen, was bei 200 Nationalratssitzen gerundet 2 Sitzen entsprechen w\u00fcrde. Die Partei erhielt jedoch gar keinen Sitz, da aufgrund der unterschiedlichen Gr\u00f6ssen der Wahlkreise, welche die Kantone darstellen, eine gewisse Verzerrung entsteht. Im Vergleich zu den anderen L\u00e4ndern Europas weisst die Schweiz eine eher geringe Disproportionalit\u00e4t auf. Wie die Studie zeigt, gibt es sogar einige sehr extreme Beispiele.<\/p>\n\n\n\n<h4>Britannien, Frankreich, Italien und Ungarn: die vier Sonderf\u00e4lle<\/h4>\n\n\n\n<p>Die Wahlbeteiligung in Grossbritannien, Italien, Frankreich und Ungarn lag jeweils zwar etwas tiefer als im Durchschnitt der in der Analyse ber\u00fccksichtigten L\u00e4nder, jedoch h\u00f6her als man aufgrund des Grades der Verzerrung ihres Wahlsystems annehmen k\u00f6nnte. Dies hat verschiedene Gr\u00fcnde. In Frankreich und Grossbritannien wird nicht im Proporz-, sondern im Majorzsystem gew\u00e4hlt. In diesen beiden L\u00e4ndern steht also weniger die Partei als mehr die jeweilige Kandidatin oder der jeweilige Kandidat in einem Wahlkreis im Zentrum. Pro Wahlkreis wird denn auch in beiden F\u00e4llen jeweils nur eine einzige Person gew\u00e4hlt, wie das in der Schweiz nur in sehr kleinen Kantonen, namentlich in beiden Appenzell, Uri, Glarus, sowie Ob- und Nidwalden der Fall ist.<\/p><br>\n\n\n\n<p>Italien und Ungarn hingegen weisen aus anderen Gr\u00fcnden aussergew\u00f6hnlich hohe Disproportionalit\u00e4tswerte auf. In beiden F\u00e4llen kam es in der j\u00fcngsten Zeit zu Wahlrechtsreformen, in Italien durch den ehemaligen Pr\u00e4sidenten Silvio Berlusconi und in Ungarn durch den amtierenden Pr\u00e4sidenten Viktor Orban. Dies hat zur Folge, dass die W\u00e4hlerinnen und W\u00e4hler ihre Wahlstrategie noch nicht an das neue System angepasst haben, was ein bei Wahlrechtsreformen verbreitetes Ph\u00e4nomen ist.<\/p><br>\n\n\n\n<p>Die Verzerrung, welche ein Wahlsystem bei der Umrechnung erhaltener Stimmen hin zu erhaltenen Sitzen im nationalen Parlament aufweist, beeinflusst die H\u00f6he der Wahlbeteiligung st\u00e4rker als bisher bekannte sozio\u00f6konomische Faktoren. Ob dies langfristig zu einer Anpassung der Wahlsysteme hin zu m\u00f6glichst proportionalen Systemen f\u00fchren, wird bleibt fraglich. So wird beispielsweise Grossbritannien sein System kaum so bald \u00e4ndern, denn anders als in vielen anderen L\u00e4ndern war es dort nie das Ziel, die W\u00e4hleranteile der Parteien m\u00f6glichst proportional im Parlament abzubilden. Viel eher soll das geltende System der jeweiligen Premierministerin respektive dem Premierminister eine stabile Mehrheit im Parlament verschaffen, um die Regierungsf\u00e4higkeit zu sichern. Welches Wahlsystem am Ende das fairste ist, m\u00fcssen letzten Endes die W\u00e4hlerinnen und W\u00e4hler der jeweiligen L\u00e4nder entscheiden: sie w\u00e4hlen jene, welche einen Wechsel oder einen Fortbestand des geltenden Wahlrechts in der Hand haben.<\/p><br>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die tiefe Wahlbeteiligung in der Schweiz ist immer wieder ein Thema in Medien und Politik. 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